Geschichte des Ottonenhaus

Aus der Festrede von Bb Rainer Franz († 2017), Architekt des Ottonenhauses zum Jubiläum im Jahr 2012

Ein eigenes Haus

„Ende des 1. Weltkrieges setzte sich Bundesbruder Dr. Martin Luible für den Erwerb eines eigenen Heimes ein. „Hätten wir ein Heim“, führte Dr. Luible immer wieder aus, „dann könnten wir schalten und walten wie wir wollten.“ Bereits 1918 wurde eine Kommission eingesetzt, die die Frage des Erwerbes eines eigenen Heimes von allen Gesichtspunkten aus zu prüfen hatte. Man war sich einig, dass nur ein Projekt in Frage kam, das neben einem Kneipp-Lokal für 100 bis 120 Personen und Clubräumen auch die Möglichkeit für einen Wirtschaftsbetrieb bietet. Mit einem Vermögen von 20.000,-- Reichsmark, Schenkungen, Legaten und Darlehen sollte der Erwerb des Hauses finanziert werden. 

Schon nach kurzer Zeit gelang es der Kommission, Verhandlungen über den Erwerb eines Objektes abzuschließen. So konnte im April 1918 eine Mitgliederversammlung im Haus Gabelsbergerstraße 24 stattfinden, Einstimmig erklärte sich der Ottonenhausverein damals mit dem Erwerb dieses Hauses einverstanden. Das Haus wurde Dank der erfolgreichen Bemühungen der Alten Herren Freudenstein und Dr. Anton Pfeiffer von der Hacker-Brauerei, der bisherigen Eigentümerin, zu einem sehr annehmbaren Preis erworben. Das Sommersemester 1918 war das erste Semester im eigenen Haus [Bild rechts]. 

Das Grundstück war bebaut mit einem dreistöckigen Vordergebäude und einem Rückgebäude mit vier Wohnungen. In dem Gebäude befand sich im Erdgeschoss eine Gaststätte mit Küche und Nebenräumen. Der Betrieb in dem Haus wurde sofort aufgenommen, jeden Samstag tagte der Philisterzirkel, am Sonntagabend kamen die Ottonen mit Damen, im Durchschnitt 40 bis 50 Personen, am Donnerstag war jeweils Aktivenabend. Am Samstag und Sonntag sorgte die Küche für warme und kalte Speisen, für Kaffee und Getränke. Im Jahr 1930 wurde das Haus umgebaut und modernisiert.

Der Zweite Weltkrieg

Am 17. Dezember 1944 wurde das Ottonenhaus [seit 1938 bereits durch das NS-Regime beschlagnahmt] in der Gabelsbergerstraße 24 durch Bomben zerstört. Es wurde so gründlich zerstört, dass es im Zuge der Schutträumung bis zur Bodengleiche abgetragen werden musste. Bereits im Oktober 1948 wurden der Ottonenhausverein wieder gegründet und AH Fabrikdirektor Hans Steininger [Bild] zum 1. Vorsitzenden und AH Bauunternehmer Dipl.-Ing. Fritz Dietzel zum 2. Vorsitzenden gewählt. Kassier war Rechtsanwalt Dr. jur. Karl Haaser. Auf den Stiftungsfesten der kommenden Jahre, die überwiegend auf dem Alemannenhaus stattgefunden hatten, stand bei jedem Konvent die Frage des Hauses im Mittelpunkt. Man war sich einig, dass Ottonia zunächst selbst Opfer bringen musste. Der Jahresbeitrag für die Mitglieder von Ottonia wurde wesentlich erhöht mit der Bestimmung, dass von jedem 50 DM an den Ottonenhausverein abzuführen seien. Außerdem hatte jedes Mitglied einen einmaligen Sonderbeitrag von 200 DM zu leisten. Immer wieder wurden Pläne erörtert, z.B. die Errichtung eines Behelfs-heimes auf dem eigenen Grundstück Gabelsbergerstraße 24. Dieser Plan wurde schnell verworfen, damit dem Behelfsheim eine weitere Bebauung des Grundstücks unmöglich gemacht worden wäre. Außerdem wurde der Erwerb von fremden Gebäuden und Ruinen-grundstücken in Betracht gezogen. Ein Projekt in der Maria-Theresia- Straße z.B. wurde von meinem Vater als Mitglied des Ottonenhausvereins durchgeplant. Die Projekte für einen Neubau an anderer Stelle wurden wieder aufgegeben.

Gabelsbergerstraße 24

Auf dem Grundstück an der Gabelsbergerstraße 24 war Baurecht für ein Gebäude mit sechs Geschossen vorhanden. Im Zug weiterer Überlegungen machte Bb Bauunternehmer Fritz Dietzel den Vorschlag, andere Korporationen mit herein zu nehmen. Mein Vater machte damals erste Skizzen für die spätere Verwirklichung des Objekts. 1958 wurde in einem Rundschreiben erstmals berichtet, dass Ottonia ein [beachtliches] Eigenkapital […] angespart hatte und mit Albertia und Saxonia Verhandlungen über deren Aufnahme in das geplante Haus geführt werden. 

Damit kam ein neuer Gedanke zum Tragen: in Zusammenarbeit mit anderen KV-Korporationen das Haus wieder neu entstehen zu lassen. Bei den Stiftungsfesten 1959 fassten Ottonia, Albertia und Saxonia auf Konventen den Beschluss, diesen Gedanken zu verwirklichen. Eine Erleichterung für das Projekt brachte der Beitritt von Erwinia als 4. Verbindung. 

Diese verpflichtete sich im gleichen Maße zu den Bau- und Betriebskosten beizutragen wie Albertia und Saxonia. 

Der Ottonenhausverein wurde beauftragt, ein entsprechendes bauliches Projekt auf dem Grundstück Gabelsbergerstraße 24 zu planen, die Finanzierung durchzuarbeiten und die Kosten für den Bau und Betrieb des Hauses zu ermitteln. 

Es galt zunächst eine Konzeption zu finden, wie das Haus eingeteilt werden sollte, um jeder Korporation das Gefühl eines eigenen Heimes mit entsprechender Raumaufteilung zu geben. 

Dazu war ein Saal einzuplanen, in dem alle traditionellen Veranstaltungen, ausgenommen große Festlichkeiten, stattfinden konnten. Für die Versorgung mit Speisen und Getränken sollte im Erdgeschoss eine öffentliche Gaststätte eingeplant werden, aus der mit einem Speisen-aufzug alle Geschosse mit Speisen und Getränken versorgt werden sollten.Darüber hinaus sollte möglichst vielen Studenten eine Unterkunft gewährt werden können. 

Nach dem in der Gabelsbergerstraße gültigen Baurecht konnte auf dem Grundstück ein Haus mit Erdgeschoß und fünf Obergeschossen und einem Dachgeschoß erstellt werden. Schon mein erster in Zusammenarbeit mit meiner Schwester, der Architektin Dipl.-Ing. Gabriele Franz, erarbeiteter Entwurf, der auf den Skizzen des Vaters Sigmund Franz entwickelt worden war, wurde allen Vorstellungen gerecht und wurde als sehr gut empfunden. 

In den folgenden Monaten wurde das Projekt in enger Zusammenarbeit zwischen dem Bundesbruder Fabrikdirektor Hans Steininger und mir weitergeplant. In vielen Gesprächen wurden alle Möglichkeiten hinsichtlich des Baues und hinsichtlich der Ausstattung des Gebäudes eingehend erörtert. 

Da der Festsaal eine größere Stockwerkshöhe als im Wohnungsbau üblich erforderte, war schon zu Beginn der Planung erkennbar, dass die Traufhöhe die Nachbarbebauung überragen würde - ein Unterfangen, das aufgrund der Traufhöhe der vorhandenen Nachbarbebauung im Plangenehmigungsverfahren nicht einfach durchzusetzen war. Zur Absicherung der ersten Planungsüberlegungen fand deshalb zwischen meinem Vater als Leiter der Bauabteilung der Regierung von Oberbayern und dem Stadtbaurat der Landeshauptstadt München ein Gespräch statt, in dem die etwas größere Höhe des Gebäudes abgeklärt werden konnte. 

 

 

Auf der Grundlage dieser Festlegung wurde die Planung zügig durchgeführt.

Ottonenhaus

Mit dem Bau wurde im Januar 1961 begonnen. Bb Fritz Dietzel hat mit seiner Bauunternehmung den Rohbau erstellt. Anfang Juli 1961 war der Rohbau fertig und es wurde Richtfest mit einer kleinen Hebefeier gefeiert. 

Als Architekt hatte ich das Ziel, den Bau bis zum Jahresende fertig zu stellen. Bis dahin mussten Pläne für 23 unterschiedliche Gewerke erarbeitet, ihre Leistungen beschrieben, die notwendigen Massen ermittelt, Angebote eingeholt und Aufträge erstellt werden. Etwa 60% der Leistungen sind in den 23 Gewerken enthalten. Das Ziel, den Bau bis zum Jahresende 1961 fertig zu stellen, wurde erreicht. 

Das Gebäude konnte im Januar 1962 in Betrieb genommen werden, die erste Veranstaltung fand am 25. Januar 1962 im Haus statt. Die Bauzeit betrug ein Jahr. Eine derartig kurze Bauzeit wird auch heut noch nicht bei Bauten dieser Art mit sehr unterschiedlichen Funktionen - Gaststätte, Festsaal, Studentenwohnheim und Wohnungen - erreicht. Üblicherweise rechnet man mit einer Bauzeit von 18 bis 24 Monaten. Die Einweihung durch Bb Prälat Prof. Dr. Michael Schmaus fand am 15. Juli 1962 statt.

Das Ottonenhaus heute

Für den Betrieb des Hauses hat Notar Dr. Hans Oberacher eine Vereinbarung zwischen dem Ottonenhausverein und den Hausbauvereinen von Albertia, Saxonia und Erwinia beurkundet. Eigentümer des Hauses ist der Ottonenhausverein, jedoch wurde den drei anderen Verbindungen [mittlerweile nur noch zwei] ein im Grundbuch eingetragenes Dauer-nutzungsrecht zuerkannt. 

Die einzelnen Rechte und Pflichten, insbesondere das Verhältnis der Beteiligten an den Kosten des Wiederaufbaues und des Betriebes, sind hier klar umrissen.

Das Haus ist 50 Jahre in Betrieb. Es sind keine Schäden entstanden. Die Holzfenster wurden inzwischen, ausgenommen im Saal, durch Kunststofffenster ersetzt. 

Änderungen in der Gaststätte sind zur Verbesserung des Betriebes durch verschiedene Pächter erfolgt. Malerarbeiten außen und innen wurden im üblichen Umfang durchgeführt. […] Die Architektur des Hauses konnte in diesen 50 Jahren erhalten bleiben. Ich hoffe, dass dies auch weiterhin gelingt. […]“

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